Ich bin o.k. – Du aber nicht

Dass (erstaunlicherweise) nicht jeder so denkt wie Du erfährst Du erst im Austausch mit anderen. Oder indem Du jemanden beobachtest bei seiner Arbeit mit dem Pferd. Und dann kommt automatisch die Wertung hinzu: findest Du das gut oder schlecht?
 
Wir werden in eine Welt der Vergleiche hineingeboren. Und weil wir schon als Baby an unserem Gewicht und unserer Größe gemessen wurden erscheint es uns nur natürlich, dass Wertungen und Vergleiche in Ordnung sind. Vergleiche mit anderen haben einen großen Vorteil: sie erlauben Dir, Dir darüber klar zu werden, was Du willst. Denn wenn Du etwas nicht gut findest, wirst Du es auch nicht nachmachen. Wenn aber jemand etwas macht was für Dich neu ist, was Du so noch nie probiert hast, es aber zu erstaunlichen Ergebnissen führt, probierst Du es für Dich aus. Und so entwickelst Du Dich weiter.
 
Wenn Du aber feststellst, dass Du es nicht so (gut) kannst wie der andere, bist Du vielleicht frustriert. Dann fühlst Du dich minderwertig. Und dann verleiten Vergleiche schnell zur Kritik an anderen. Und andere sollen dann bitteschön auch so sein wie Du sie haben möchtest. Das trifft auch auf Dein Pferd zu: jetzt soll es bitte ruhig stehen, jetzt soll es bitte schneller laufen und jetzt soll es bitte die Übung nochmal und nochmal machen.
Dabei kannst Du Dir das Leben auch einfacher machen. Lass andere – auch Dein Pferd – so sein wie sie sind und konzentriere Dich nur auf Dich und Dein Pferd. Vergleiche nur Deine frühere Leistung mit Deiner jetzigen und entscheide, ob Du weiter gekommen bist.
 
Es gibt (gerade in der Reiterwelt) immer Situationen in denen man laut rufen möchte: lass das doch! Früher hab ich auch ungefragt Ratschläge gegeben. Die Problematik dabei ist, dass der andere diese als Kritik auffasst. Und als Erstreaktion daher meist in eine Abwehrhaltung geht. Das Gesagte kann daher überhaupt nicht ankommen, geschweige denn von Nutzen für das Pferd sein. Im schlimmsten Fall verfällt der andere in eine Trotzreaktion und macht genau das weiter und zwar noch mehr als zuvor. Das ist frustrierend für beide.
 
Heute versuche ich alle anderen so zu lassen wie sie sind und nehme das für mich auch in Anspruch. Gerade kürzlich habe ich den Reitunterricht einer Einstellerin mit ihrem jungen Pferd beobachtet: Schlaufzügel, starkes Riegeln, das Pferd wurde 1Std. geritten und konnte zeitweise nicht mehr in der übersteuerten Haltung laufen. Es wehrte sich. Die Reitlehrerin rief dann dazu auf, jetzt mal „richtig wütend“ zu werden, woraufhin die Schülerin in ihr Pferd trat. Die Reitlehrerin zeigte dann auch noch einmal wie es „richtig“ geht und riegelte ordentlich mit den Schlaufzügeln in allen Gangarten und in der Rollkur. In solchen Momenten fällt es mir extrem schwer, wegzuschauen. Ich bedaure zutiefst was diesem Pferd angetan wird. Aber ich kenne die Natur des Menschen. Und wenn die Besitzerin oder Reitlehrerin (noch) keinen Raum in ihrem Inneren hat, der zumindest mit Zweifel angefüllt ist, hat eine Kritik wenig Sinn und führt nur zum Oppositionsreflex.
 
Ganz nach dem Motto: sei die Veränderung die Du Dir für diese Welt wünscht gehe ich den Weg, vorzuleben, wie ich mir einen freundschaftlichen Umgang mit Pferden vorstelle. Und ich nehme wohl die interessierten Blicke anderer Einsteller wahr, die das was ich mache vielleicht zunächst merkwürdig, später vielleicht interessant finden. Und ich weiß, es dauert seine Zeit, aber vielleicht folgt der ein oder andere mir auf diesem Weg. Freiwillig, von sich aus, wenn es für ihn/sie an der Zeit ist. Und dann bin ich gern für sie da.
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