Haben Erwartungen in der Pferdewelt eine Daseinsberechtigung?

 

Der Duden umschreibt Erwartungen als „Zustand des Wartens, Spannung und Annahme“. Wikipedia ergänzt dies um „die Annahme darüber, was ein anderer tun würde bzw. tun sollte. Wird eine Erwartung enttäuscht, dann wird sie manchmal geändert, in einigen Fällen aber auch aufrechterhalten.“

Klar ist: wir erwarten alle irgendetwas von unserem Pferd. Für den Einen sind es die Traversalen, die er mit seinem Pferd machen möchte, für den anderen das L-Springen gewinnen. Doch viele Freizeitreiter haben gar nicht so hohe Ziele: sie möchten eine gute Beziehung zu ihrem Pferd, sein Vertrauen, mit ihm sicher durch alle Situationen gehen können oder dass ihr Pferd auf sie zukommt und motiviert mitmacht. Doch selbst so „kleine“ Ziele erfüllen uns unsere Pferde oft nicht. Woran liegt das? Wir tun doch alles was in unserer Macht steht, um das zu bekommen was wir uns wünschen!

Unsere Rechnung ist dabei ganz einfach: Pferd gekauft + mir Mühe gegeben = jetzt reite ich

Doch dann klebt der Zosse an seinem neuen Freund oder ruft die ganze Zeit nach seinen Artgenossen, ist permanent krank, erschreckt sich vor Geräuschen oder läuft sogar im Gelände allein nach Hause. Dann sind wir enttäuscht. Enttäuschung beschreibt den Zustand, nicht das bekommen zu haben was man sich gewünscht hat. Oft kommt auch noch Wut oder Traurigkeit dazu. Die wird natürlich auf das Pferd projiziert. Denn das ist ja Schuld daran, dass wir nicht das bekommen haben was wir uns vorgestellt haben. Wir fühlen uns schlecht. Um unseren Traum gebracht.

Die Einen sind nun in der Lage mit diesem Misserfolg umzugehen, indem sie neuen Mut fassen, sich Unterstützung von einem guten Trainer holen oder sich selbst wieder motivieren. Die anderen bleiben enttäuscht, stellen das Pferd insgesamt in Frage oder suchen den Fehler im näheren Umfeld. Nur nicht bei sich. Dabei ist der Umgang damit, was passiert, das Einzige was wir wirklich kontrollieren können. Und das macht den Unterschied zwischen einer guten Beziehung zum Pferd oder auch nicht. Und letztlich zwischen einem glücklichen oder unglücklichen Leben.

Vor 16 Jahren tauchte das erste Buch von Pad Parelli in Deutschland auf. Damals gab es noch kein System oder Trainer von ihm. Ich las das Buch, das nur einige wenige Ideen enthielt, was man mit seinem Pferd machen könnte und war hoch motiviert. Ich dachte: „Super, wenn ich mein Pferd hier im Gelände ein wenig über einen Graben springen lasse und am Seil zu mir hole, stärkt das unsere Beziehung.“ Das konnten wir gut gebrauchen, denn unsere Beziehung war zu dem Zeitpunkt denkbar schlecht.
Ich spielte also auf einer großen Weide mit ihr am Strick und sie machte auch gut mit. Nach ca. 15 Minuten war ich mir sicher: jetzt geht´s auch ohne und ich löste den Strick. Nach ein paar Minuten Liberty entschied sie sich, jetzt doch besser (allein) nach Hause zu laufen. Über die Strecke nach Hause über ca. 2 km geschah ihr und niemand anderem etwas. Ich lernte daraus: so einfach wie ich es mir vorgestellt habe, ist es wohl doch nicht und offenbar hatte ich sie fehlinterpretiert. Ich unternahm noch viele Versuche, eine bessere Beziehung zu ihr aufzubauen, lernte aber nur Stück für Stück dazu und erlebte viele Enttäuschungen.

Es gab Zeiten, in denen sie an jeder Kreuzung im Wald nach Hause laufen wollte und mir das Gefühl gab, überhaupt keine Zeit mit mir verbringen zu wollen. Ich war genervt, enttäuscht und wütend. Ich versuchte eine Kommunikation zu ihr aber sie schien nicht zuzuhören. Ich entschied, dass sie wohl einfach zu 3257441dumm sei um mich zu verstehen. Oder sie wollte eben nicht.

Nach ein paar Jahren gab es einen Moment, in dem wir plötzlich eine gemeinsame Sprache zu sprechen schienen. Sie war in ihrer Welt und ich in meiner und plötzlich gab es eine gemeinsame Welt. Wir konnten es beide kaum fassen. Ich begann weiter an dieser Verbindung zu arbeiten – und sie reagierte tatsächlich! Und als ich aufgehört hatte, sie für dumm zu halten weil ich vorher nicht in der Lage gewesen war, es ihr in IHRER Sprache zu erklären, wollte sie Zeit mit mir verbringen. Jetzt kam sie mir die 900 m von der Weide im Galopp entgegen weil sie gelernt hatte, dass die Zeit mit mir Qualitätszeit ist und wir Spaß haben. Jetzt konnte ich sie in allen Gangarten reiten und sogar selbst einfahren.

Erst im Nachhinein erkannte ich, welche Fehler ich gemacht habe. Und als ich aufgehört hatte, es ihr in meiner Sprache erklären zu wollen, und bereit war, mich auf Ihre einzulassen, geschah Wunderbares.

Wenn mir jemand vor 10 Jahren gesagt hätte (und hat), ich müsse meine Erwartungen loslassen, hätte (und hab) ich gesagt: „Nö, will ich aber so.“ Weil loslassen so oft mit der Aufgabe des Traums in Verbindung gebracht wird. Loslassen heißt nicht aufgeben. Loslassen bedeutet nur den Kampf darum aufzugeben. Und paradoxerweise kann es dann kommen. Denn wenn wir entspannt sind, kommt alles Gute zu uns.3257426

Dass das (Leben) so funktioniert, haben mich meine Pferde gelehrt: Ich ritt mit Fellsattel (also praktisch ohne Sattel) aus und hatte mein Jungpferd als Handpferd dabei. Wir waren auf der Galoppstrecke ca. 800 m vor dem Stall und es kam noch eine Kurve in der wir zumindest traben müssen. Beide Pferde waren aber gerade in Renngaloppstimmung und ließen mich nicht durchparieren oder das Tempo drosseln. Ich kämpfte und kämpfte aber es war kein Durchkommen. Dann gab es einen Moment in mir, in dem ich aufgab. In einer fast trotzigen Haltung dachte ich: „na gut, ihr werdet schon sehen was ihr davon habt. Da vorn geht´s scharf um die Kurve und da müssen wir langsamer sein. Aber wenn ihr nicht wollt, dann eben nicht. Fallt ihr eben hin. Ist dann so.“ Ich ließ die Zügel los und etwas in mir ließ auch los. Im nächsten Moment schwebte ich mit meinen beiden Pferden als eine Einheit gemeinsam im Galopp. Es war wie fliegen, ich brauchte mir um nichts Gedanken zu machen denn ich war sicher im Herdenverband. Ich spürte tiefes Vertrauen, Verbundenheit und das absolute Wissen, dass wir alle gut aufeinander aufpassen. So ist das eben in einer Herde. Kurz vor der Abzweigung reduzierten meine Pferde von selbst das Tempo und brachten uns alle absolut sicher nach Hause.

Was also können wir tun wenn wir enttäuscht sind weil etwas nicht so geklappt hat wie erwartet?

– Erstmal durchatmen, sich vornehmen, die Erwartung loszulassen. Sag Dir immer wieder: ich lasse das los. Es wird schon kommen.

– Erweitere Dein Blickfeld und finde das, was jetzt (trotz dem was passiert ist) gerade gut ist. Oder schau zurück auf Deinen Weg und schreib auf, was Gutes mit Deinem Pferd passiert ist.

– Steck Dir kleinere Ziele oder versuche einen Umweg zu gehen.

– Profis betrachten das Ganze mit Humor. Denk Dir z.B. „in 5 Jahren könnte das eine Story sein mit der ich andere so richtig zum Lachen bringen kann“

Ganz ohne Ziel arbeite ich heute mit keinem Schüler oder Pferd. Wenn ich mit einem Schüler arbeite, frage ich das Ziel ab und erkläre, dass ich dafür die Bereitschaft benötige, an sich selbst zu arbeiten. Denn ein Großteil der Arbeit mit Pferden ist die Arbeit an sich selbst, um sich in die Lage zu versetzen, sich in das Pferd hinein zu fühlen und zu denken. Je früher die Menschen dazu bereit sind, desto schneller stellen sich Erfolge mit dem Pferd ein. Aber all das ist ein Prozess. Und Erfahrung.Bild 185

Wenn ich allein mit Pferden arbeite, wünsche ich mir Qualitäten wie z.B. Gelassenheit, Verbundenheit, Effizienz. Oder ich formuliere mein Ziel durch den Satzanfang „Wäre es nicht schön, wenn …“. Dann treffe ich eine Vereinbarung mit dem Pferd. Ruhig verbal. Oder bildlich. Oder beides.

Ich sage z.B. so etwas wie „Ich möchte heute gern mit Dir was in der Halle machen. Ich weiß, du machst ja immer super mit, daher möchte ich einfach nur ein bisschen was machen was Du schon kannst: ein wenig seitliche Biegung im Schritt und Trab, wenn Du magst vielleicht auch etwas Galopp. Und wenn Du gut mitgemacht hast, dann machen wir auch sofort Schluss und Du kannst zurück zu Deinen Freunden. Hast Du Lust?“ Ich reite dann meist maximal 20 Minuten effizient. Denn stundenlanges Wiederholen oder Reiten macht (mir und) Pferden keinen Spaß. Und wenn etwas Neues richtig gut geklappt hat, steige ich sofort ab. Denn Pferde verarbeiten und lernen (wie wir) in den Pausen. Ich kann mich also darauf verlassen, dass das Neue, verbunden mit der sofortigen Belohnung des Trainingsendes nach 2 Tagen in sehr guter Qualität abgefragt werden kann.

Je früher wir die Erwartung, dass ein Pferd (aus-)reitbar ist, oder uns etwas zurückgeben sollte, bereit sind loszulassen, desto eher können wir uns auf das konzentrieren, worauf es wirklich ankommt: die Vertiefung der Beziehung zu unserem Pferd. Und zu sich selbst.

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